Einzigartiger Oberharz - Ein Plädoyer zum Mitmachen von Boris Peinemann

BorisPeinemann.jpgWer im Oberharz lebt oder ihn besucht, bekommt irgendwann einmal das Gefühl, dass die Dinge hier oben auf dem Berg anders laufen. Ein gewisser lokaler Pessimismus nährt allerdings auch den Eindruck, dass die vielen klimatischen Niederschläge sich auf´s Gemüt schlagen. Die gegenwärtigen Missstände werden oftmals abgetan mit schlechten klimatischen Bedingungen, wie Schnee, der geographischen Randlage, dem Ende des Bergbaus und der fehlenden Sympathien der jeweiligen Landesfürsten. Dabei wird vermutlich vergessen, dass die Umstände in der Berg- und Universitätsstadt kaum besser sein könnten:

Neben den bekannten klimatischen Besonderheiten des Harzes mit weissen Wintern und viel Regen gibt es aber auch auf anderen Bereichen viele Besonderheiten.

Zu nennen wäre z.B. die Technische Universität Clausthal, die sich aus der zweitältesten Akademie Deutschlands ableitet. Man stelle sich vor, dass sich in einer Gemeinde von 15.000 Einwohnern eine Universität von hervorragenden internationalem Rang in einem harten wissenschaftlichen Umfeld etabliert hat. Das dürfte nicht nur in Deutschland eine Ausnahme sein. Das hohe Renomee der Universität zeigt sich in laufenden Spitzenplätzen in rankings. Die TU Clausthal spielt international ganz vorne mit. Der Oberharz ist Wissenschaft.

Einhergehend mit dem internationalen Ansehen der Universität zeigt die Bevölkerungsstruktur der Gemeinde auch eine weitere auffällige Besonderheit. So international wie in dieser kleinen Gemeinde geht es wohl nur noch auf internationalen Flughäfen zu. So hört man beim Bäcker nicht nur Chinesisch, Englisch, Spanisch und Französisch sondern auch noch weitere Sprachen aus vielen Ländern der Welt. Momentan liegt der Ausländeranteil an der TU um 37% (Studentenwerk Braunschweig) und das ist nicht nur deutschlandweit spitze. In der Praxis heisst das, dass Clausthal international bekannter ist, als in der Region. Denn nicht nur der chinesische Wissenschaftsminister Wan Gang hat hier studiert, sondern ehemalige Studenten mit verantwortungsvollen Aufgaben in allen Ländern der Welt. Viele stehen noch in Kontakt mit „ihrem“ Clausthal. Einige internationale Studenten haben sogar hier ihre Heimat gefunden und sind nun echte Clausthaler. Nennenswert sind auch internationale Investoren, die im Tourismusbereich investieren. Aus ehemaligen Touristen werden Arbeitgeber. Im Übrigen ist der Oberharz wohl ein tolles Beispiel für ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichsten Kulturen. Der Oberharz ist international.

Die Universität ist ebenfalls ein Nährboden – oder wie man heute gerne formuliert: Inkubator – für innovative Unternehmen, die sich von mutigen Wissenschaftlern aus der Universität heraus entwickelt haben. Wer weiss schon, dass wir hier eine ganze Reihe von hidden champions nennen können? Die 3 Grösseren mag man noch kennen, aber es gibt noch eine zweistellige Anzahl Unternehmen, von denen einige zu hidden champions auf jeweils ihrem speziellen Gebiet zählen. Eine solche Dichte an High-Tech ist untypisch für solch eine kleine Gemeinde. Der Innovationspark platzt geradezu aus allen Nähten. Der Oberharz ist High-Tech.

Weitere Auffälligkeiten kommen hinzu. Die Gemeinde leistet sich trotz finanzieller Engpässe eine Reihe von Kindergärten, die eine hohe Versorgung der Schützlinge sicherstellen und ein tolles Gymnasium, dass gegen alle Versuche der Vereinnahmung verteidigt wird. Ebenfalls werden die Grundschulen soweit irgendwie machbar gehalten, um den Schülern lange Anfahrzeiten und überfüllte Klassen zu ersparen. Der Oberharz ist familienfreundlich.

Geht man durch die Clausthaler Innenstadt, fällt auf, dass ausgesprochen viele junge Menschen die Strassen säumen. Die Gemeinde ist einer der jüngsten der Region. Im Gegensatz zu den Nachbargemeinden zeigt die Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld einen positiven Trend auf und kennt kein Demographie-Problem. Der Oberharz ist jung.

Nicht zu vergessen ist die Historie des Bergbaus, die den Oberharz nachhaltig geprägt hat. An vielen Stellen werden immer noch, auch in Zeiten mangelnden Geldes, die Wirkstätten aufwendig durch enthusiastische Freiwillige und Förderer gepflegt und gehegt. So ist es nur recht, wenn die UNESCO dies mit dem Weltkulturerbe "Oberharzer Wasserwirtschaft" belohnt. Der Oberharz ist Weltkultur.

In einer sich immer schneller ändernden Welt ist der Oberharz mitten im Prozess des Strukturwandels. Nach dem Kapitel der Bergbauregion hat der Oberharz als subventionierte Grenzregion eine Atempause gehabt. Nach der Maueröffnung aber haben sich die Umstände geändert. Die Globalisierung hat auch den Oberharz erreicht. Der Tourismus alleine – immer der letzte Notnagel einer Region im Strukturwandel – kann den Oberharz heute schon nicht mehr tragen. Zur Zeit liegt der Anteil am Umsatz bei ca. 16%. Neue Ideen und Fundamente müssen her. Die TU als Arbeitgeber trägt einen hohen Anteil. Die wachsenden kleinen und grossen Technologiefirmen bieten eine Perspektive und werfen heute schon Früchte ab. Aber ein Standort ist heute nicht mehr für alle Zeiten fix. Der Oberharz steht in einem harten Wettbewerb alleine schon mit den Nachbargemeinden und schon gleich mit anderen boomenden Regionen. Wer heute wichtige Mitarbeiter akquirieren möchte – und das ist ein essentieller Bestandteil eines High-Tech-Unternehmens – muss was bieten können. Das Umfeld, also die Gemeinde des Standorts, spielt eine wesentliche Rolle dabei. Natürlich kann der Oberharz mit reichhaltiger Natur punkten, wer hat schon über fünfzig Teiche im Umfeld zu bieten? Aber das ist nicht alles. High-Potentials – oder potentielle Bürger – verlangen mehr. Wie sind die Betreuungsmöglichkeiten für mein Kind? Wie weit muss mein Kind zur Schule fahren? Habe ich hier gute Einkaufsmöglichkeiten die über den alltäglichen Bedarf hinaus gehen? Gibt es eine attraktive Innenstadt mit Verweilmöglichkeiten? Gibt es genügend Dienstleistung vor Ort? Gibt es interessante kulturelle Angebote? Ist die Gemeinde bürgerfreundlich oder gibt es unnötig viele Restriktionen? Was leistet die Gemeinde für die Bürger?

Die Zukunft ist offen. Die Perspektive ist hervorragend, aber die Zeit läuft. Wer sich nicht den wandelnden Umständen stellt, wird verändert. Wer nicht erkennt, wo die Chancen liegen, wird mit unwichtigen Dingen die begrenzten Ressourcen vergeuden. Die Oberharzer müssen selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen um aktiv die Zukunft zu gestalten. Viele engagieren sich schon heute in Vereinen, im Privaten, bei der Arbeit und vielleicht sogar in der Politik. Wir dürfen nicht auf jemanden warten, der es für uns richten soll. Konsequent heisst die Frage: Was macht der Bürger für die Gemeinde?

Ermutigen wir diejenigen Bürger, ihre Gemeinde zu etwas Besserem zu machen.